Lernen von Sorbas

„Vision“ ist ein Kandidat für das meist-malträtierte Konzept im Management. Ein anständiges Unternehmen hat ja wohl gefälligst eine Vision, und „Vision, Mission, Strategie“ kommt in jedem Management-Lehrgang vor, der etwas auf sich hält.

Wenn sie nur nicht so langweilig wären! „Wir wollen die Besten sein!“ Das ist ein ehrenwerter Ehrgeiz, aber doch keine Vision, meine Güte. Wer so an den Start geht, hat von Vornherein keine Chance. Das klingt, als hätte der Urheber eigentlich am liebsten auf die Website geschrieben: „Wir haben keine Vision. Wir wollen auch keine. Visionen sind Scheisse. Immer geht’s schief damit...“

Und es ist ja auch nicht zu leugnen, dass leider in der Mehrheit der Unternehmen die Vision bei den Mitarbeitenden sofortige Müdigkeitsattacken, Hörstürze oder präventives Abwinken auslöst. Wenn die Vision keine Kraft hat, können Sie es getrost auch bleiben lassen. Es ist schon anspruchsvoll genug für ein Führungsteam, eine Vision glaubhaft präsent zu halten und ihre inspirierende Kraft zu nutzen.

Lohnen würde es sich schon, denn nicht Vieles hat ein derart transformatives Potential wie eine kraftvolle Vision. Aber wir kriegen’s sehr oft einfach nicht hin, dieses Potential zu nutzen.

Woran liegt’s? Wieso sind die Visionen so oft so schlapp? Ein Faktor mag folgender sein: das Spektrum des Möglichen ist enger als das Spektrum des Träumbaren, und das Spektrum des Realistischen ist enger als das Spektrum des Möglichen. Daher werden reine Realisten Mühe haben, inspirierende Visionen zu entwickeln, und in einem Berufsfeld, das seine Exponenten extrem auf Rationalität, Daten und Fakten sozialisiert, dürfte das die grosse Mehrheit der Führungskräfte sein.

Das ist per se nicht schlimm: Selbstkontrolle, analytische Fähigkeiten, rasche Auffassungsgabe, das braucht’s ja alles als Manager. Das Risiko ist nur, dass dabei Seiten verschüttet oder gar nicht ausgebildet werden, die in der Management-Welt immer noch weitgehend in Quarantäne sind: Träumerei, Idealismus, Verrücktheit, Offenheit für Unsinn (vermeintlichen). Da gibt es was zu ergänzen und aufzuholen.

Ohne diese Zutaten entstehen keine kraftvollen Visionen, das wissen wir schon lange, spätestens seit Saint-Exupéry’s „Wenn du ein Schiff bauen willst, wecke in den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer.“ Zugegeben, das Zitat ist so ausgelutscht, dass es den meisten Leuten zum Hals raushängt, aber es hat das nicht verdient, denn wahr ist es trotzdem: eine kraftvolle Vision hat etwas zu tun mit Sehnsucht, die einen im innersten packt.

Und – ja, es ist nicht zu vermeiden – eine Vision ist ewas Emotionales. Den Zugang zu dieser Dimension findet nur, wer seine Berührbarkeit pflegt und seine Fähigkeit, dieses Berührt-Sein auszudrücken. Was ist Ihr Traum? Können Sie ihn so aussprechen, dass Sie innerlich erbeben, während Sie ihn sagen? Hat er die Kraft, Sie und andere zu bewegen?

Alexis Sorbas hat es auf den Punkt gebracht in einem kurzen Dialog mit Basil: „I like you too much not to say it: you’ve got everything except one thing: madness! A man needs a little madness, or else...“ „Or else?“ „...he never dares cut the rope and be free.“

Transformationale Führung mag nicht immer nötig sein, aber sie wird immer nötiger. Das Eintrittsticket in diese Liga ist der Zugang zu den eigenen emotionalen Qualitäten. Folgen Sie Sorbas, und vielleicht kriegen Sie Lust, mit Ihren Mitarbeitenden zu tanzen, und dann gehen Türen auf.

Filmszene aus "Alexis Sorbas"

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